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„Kultur hält zusammen“

24.01.2026

Offener Brief der Kunst- und Kulturszene Frankfurt (Oder)

„Kultur hält zusammen“

An den Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder), an die Stadtverordneten der Stadt Frankfurt (Oder)

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Strasser, sehr geehrte Stadtverordnete,

wir wenden uns an Sie in großer Sorge um die freie Szene und die Kultureinrichtungen des Eigenbetriebs Kulturbetriebe (Musikschule, Volkshochschule, Stadt- und Regionalbibliothek, Städtisches Museum Viadrina, Soziokulturelles Zentrum St. Marien, Haus der Künste, Kunst im öffentlichen Raum, Projektförderung freie Szene).

Die vorgesehenen Kürzungen, die im Wirtschaftsplan des Eigenbetriebs Kulturbetriebe aufgelistet sind, werden in den genannten Einrichtungen und für die freie Szene drastische Folgen haben. In der Musikschule und der Volkshochschule sind sie schon sichtbar. Das Angebot der Einrichtungen wurde deutlich eingeschränkt, sie mussten bereits Kürzungen hinnehmen. Es kann nicht sein, dass diese beiden Einrichtungen, und die freie Szene, aufgrund der Auswirkungen des Herrenberg-Urteils kaputtgespart werden.

Die Folgen der Einsparungen, zu denen auch die Nichtbesetzung von Stellen in der Stadt- und Regionalbibliothek,  die Erhebung von Eintrittsgeldern in die St.-Marien-Kirche und eine Verdreifachung der Mietkosten für Vereine im Haus der Künste gehören, sind nicht hinnehmbar.

Wir nennen nur einige Beispiele:

  • Die Finanzen, die der Brandenburgische Literaturrat e.V. und der Friedrich-Bödecker-Kreis im Land Brandenburg e.V. für die höhere Miete aufwenden müssen, stehen nicht mehr für Lesungen für Erwachsene oder Begegnungen mit Autor*innen für Kinder und Jugendliche zur Verfügung
  • Der Frankfurter Kunstverein betreibt seine Galerie und Büroräume im Haus der Künste mit einem Residency-Programm, das jährlich internationale Künstler*innen in die Stadt zieht, sowie mit Ausstellungen für regionale Künstler*innen von beiden Seiten der Oder. Das Programm des Vereins finanziert sich durch die jährlich neu zu beantragende Einzelprojektförderung der Stadt. Sowohl die Kürzung der Einzelprojektförderung als auch eine Mieterhöhung bedroht den Verein existenziell. Nach über 30 Jahren erfolgreicher Tätigkeit müsste der Verein seine ehrenamtliche Arbeit einstellen. Auch könnten die fünf vom Kunstverein betreuten Ateliers im Hause nicht erhalten werden.
  • Das Freie BürgerRadio Słubfurt e.V. betreibt seinen Server und seine Redaktionsräume im Haus der Künste. Eine Miete kann sich der Verein nicht leisten und müsste die Räume aufgeben. Mit der Aufgabe der Räume ist eine Weiterführung der ehrenamtlichen Arbeit nicht möglich – der Verein müsste seine Aktivität beenden.
  • Streichung der gesamten kulturellen Bildung und der Kurse für Behinderte und Nichtbehinderte in der Volkshochschule, Schließung am Sonnabend
  • Stadt- und Regionalbibliothek: Die Kürzung einer weiteren Stelle macht Personalengpässe bei der Absicherung der Öffnungszeiten wahrscheinlicher und die Kürzung des Etats für den Einkauf von Medien gefährdet die Qualität des Angebots an aktuellen Medien und somit den Auftrag der Bibliothek, Leseförderung und Informationsvermittlung für alle Frankfurter*innen anzubieten.
  • Städtisches Museum Viadrina: Tourist*innen werden verprellt, weil samstags das Museum geschlossen werden soll. Die Kürzung der Öffnungszeiten umfasst über 30%; der geplante Personalabbau trifft das Museum und eine der größten Museumssammlungen des Landes Brandenburg hart
  • Das Soziokulturelle Zentrum St. Marien wird durch die Einführung des Eintrittsgeldes weniger Besucher*innen haben. Die Ausstellungen, die hier gezeigt werden, sind nicht mehr frei zugänglich. Es ist fraglich, ob die Einnahmen das und die Einrichtung eines Kassensystems aufwiegen. Zudem steht das Eintrittsgeld der derzeitigen Konzeption der Bürgerkirche St. Marien konträr gegenüber und müsste mit dem Kuratorium und den beteiligten Akteur*innen der Bürgerkirche besprochen werden.
  • Durch die Kürzung der ohnehin schon zu knapp bemessenen Projektförderung für die freie Szene um 20 % wird es kaum möglich sein, neue, freie Projekte in der Stadt zu etablieren. Gerade diese Projekte bereichern das Kulturangebot der Stadt neben den Angeboten der etablierten Kulturinstitutionen.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Strasser, sehr geehrte Stadtverordnete,

machen Sie sich stark für die Kultur in Frankfurt (Oder)! Nehmen Sie das Land in die Pflicht bei der Finanzierung der Musikschule und der Volkshochschule! Sichern Sie der freien Szene nicht nur das Überleben, sondern Möglichkeiten zu wachsen und sich zu entfalten! Erweitern Sie die Angebote der Stadt- und Regionalbibliothek, und des Städtischen Museums Viadrina, statt sie einzuschränken!

Kultur wirkt verbindend und grenzüberschreitend und bildet damit einen entscheidenden Faktor, die deutsch-polnische Doppelstadt weiter zu vernetzen und zwischen Studierenden und Bürger*innen von Frankfurt und Słubice mit der universellen Sprache der Kunst, Kultur und Musik zu vermitteln.

Wie wichtig Kultur als Wirtschaftsfaktor ist, hat eine Studie der Universität Potsdam im vergangenen Jahr beispielhaft für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) gezeigt. Pro investiertem Landeseuro findet hier eine fünffache Wertschöpfung statt. [1] Denn Besucher*innen von Ausstellungen, Konzerten usw., gehen auch in Gaststätten, übernachten in Hotels und kaufen Souvenirs.

Kultur ist systemrelevant – das wurde spätestens in der Corona-Krise deutlich. Leider haben viele von uns diesen Wert der Kultur allzu schnell wieder vergessen. „Museen, Theater, Kinos und Konzerthäuser sind kraftspendende Orte der Bildung, der Begegnung, der sozialen Wärme und der Gemeinschaft“ [2], sagte Kulturstaatsministerin Claudia Roth 2022 im Zusammenhang mit der nächsten, der Energiekrise. Inzwischen ist klar, dass wir in Zeiten multipler Krisen leben. Wir werden sie nur mit Kunst und Kultur überleben.


[1] https://www.uni-potsdam.de/de/nachrichten/detail/2025-02-14-studie-zeigt-kultur-als-wirtschaftsfaktor-spsg-staerkt-brandenburgs-regionale-wirtschaftskr

[2] https://www.kmk.org/aktuelles/artikelansicht/bund-und-laender-bekraeftigen-bedeutung-von-kunst-und-kultur-in-krisenzeiten.html

Erstunterzeichner*innen:

Kunstgriff. Netzwerk für Kultur – sieć kulturalna e.V.
Friedrich-Bödecker-Kreis im Land Brandenburg e.V.
Brandenburgischer Literaturrat e.V.
Carmen Winter, Schriftstellerin
Thomas Strauch, Musiker
Ulrike Kremeier, Direktorin Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst / Vorstand Brandenburgische Kulturstiftung Cottbus – Frankfurt (Oder)
Verein der Freunde und Förderer des Museums Viadrina e.V.
Monika Leonhardt, Künstlerin Atelier MinoArt
Netzwerk Frankfurt bleibt bunt
Słubfurt e.V.
Frankfurter Kunstverein e.V.
Freies BürgerRadio Słubfurt e.V.
Michael Kurzwelly, bildender Künstler
wolfram DER spyra, Künstler
magistrale kunsthalle gUG
Grenzübergreifender Studentischer Freiraum Stuck e.V.
Theater im Schuppen e.V.
Theater des Lachens, Puppen- und Schauspiel e.V.
Philip Murawski, KUKURYKU! & 2. Vorsitzender Doppelstadtkultur e.V.
Igor H. Berg, Künstler und Dadasoph
René Pachmann, Katholischer Hochschulseelsorger

Holger Gregor, Fotograf, Frankfurter, Kunst-und Kulturmensch
Linda Pickny, KUMA Kulturmanufaktur
Svetlana Tiukkel, Künstlerin

Weitere Unterzeichner*innen:

Musikschulbeirat Frankfurt (Oder)
Elisabeth Prosch, Kulturschaffende
Stefan Große Boymann, Solokontrabassist Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt

PDF „Kultur hält zusammen“ – Offener Brief